von Peter Köppel
In den letzten Jahren war in der Westschweiz ein interessantes Phänomen zu beobachten, das jetzt zur Blüte kommt und für Deutschschweizer schwer einzuordnen ist: das mit einer Stärkung des Selbstbewusstseins einhergehende kommunikative Zusammenwachsen der doch recht eigensinnig funktionierenden politischen Räume. Zwei Beispiele: Das Forum des 100 und Rezonance, ersteres ist eine jährlich im Mai stattfindende, vortrefflich inszenierte und mediatisierte Begegnung von gut 700 Persönlichkeiten aus der gesamten Romandie inklusive angrenzenden Gebieten (www.forumdes100.com), letzteres (www.rezonance.ch) eine beliebte und anscheinend wirklich funktionierende Internet-Plattform der Westschweiz, die kürzlich das 30′000ste Mitglied aufnehmen durfte.
Während in der Deutschschweiz die Zusammenarbeit der Regionen und Kantone sozusagen „unter der Hand“, das heisst im Wesentlichen abseits der Öffentlichkeit auf den Weg gebracht wird, brauchen die Westschweizer dazu einen gehörigen rhetorischen und damit auch öffentlichkeitswirksamen Anlauf. Dass die Rhetorik dabei oft überschiesst, gehört zum Spiel und ist auch der Motivation der Akteure dienlich. Sich gleich vor sezessionistischen Tendenzen zu fürchten, wenn François Cherix im Auftrag der Télévision Suisse romande eine Studie zur erwachenden Romandie veröffentlicht, ist da fehl am Platz. Uns Deutschschweizer muss etwas anderes beschäftigen: Weshalb haben wir keine funktionierende Begegnungsplattform der „allgemeinen“ Intelligentsia ähnlich dem Forum des 100, wo unterschiedlichste Personen aus unterschiedlichsten Milieus und Positionen offensichtlich „nur“ aufgrund des Kriteriums ihrer ausgewiesenen Intelligenz zusammenkommen? Weshalb schafft es das Leitblatt der Westschweizer Medienlandschaft, Le Temps, sozusagen täglich einen kleinen, aber gewichtigen, vielgelesenen Teil seiner Ausgabe mit exzellenten Gastbeiträgen aus dem Kreis eben dieser Intelligentsia zu bestreiten, und dies mit Erfolg? In der Westschweiz hat sich eine allgemeine intellektuelle Kultur von durchaus pragmatischer Griffigkeit ausgebildet, um die wir Deutschschweizer sie nur beneiden können.
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